September 09, 2020 4 translation missing: de.blogs.article.read_time

Ich kann mich noch genau erinnern an diesen Tag in der 3. Klasse. Wir hatten Bilder gemalt im Kunstunterricht und unsere Klassenlehrerin wollte unsere Bilder an die Fensterscheiben in unserem Klassenzimmer hängen. Fröhlich gingen wir von der Schule nach Hause um am nächsten Morgen voller Neugier ins Zimmer zu springen. Wo mag wohl mein Bild hängen, wie hat sie es aufgehängt? Vielleicht hängt es neben meiner Freundin? Ich suche und suche, aber ich kann mein Bild nicht finden zwischen all den anderen Kunstwerken meiner Mitschüler*innen.

Enttäuscht frage ich die Klassenlehrerin:"Frau A., wo ist denn mein Bild, ich kann es nirgends finden?"

"Ich habe es nicht aufgehängt, es ist zu hässlich fürs Aufhängen." Bäm! Diese Worte haben sich ab diesem Tag tief in mir verankert. Mein Bild ist zu hässlich, damit es aufgehangen wurde, war von da an ein innerer Glaubenssatz, der mich viele Jahre davon abgehalten hat zu tun, was ich liebe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Den Satz habe ich nie vergessen und seit ich Mama bin, achte ich viel mehr darauf, wie ich meine Tochter wahrnehme, wenn sie malt und wenn sie mir danach ihre Kreation zeigt. Und dank der Pädagogik von Arno Stern, weiß ich, dass es gar nicht darum geht schöne Bilder zu malen. Es ist viel wichtiger, ein Kind nicht zu bewerten. Nicht während es malt und auch nicht wie das Bild nach unserer Ansicht ist. Es geht darum, das Kind und sein Bild so anzunehmen wie es ist. Das Kind soll wissen "es ist ok wie ich bin, wie ich male".

Kinder möchten gesehen werden und nicht bewertet - auch wenn wir es oft anders erlebt haben in unserer Kindheit.

Es ist nicht einfach für mich, ihr nicht zu sagen "das sieht aber toll aus". Denn genauso bin ich und du wahrscheinlich auch, aufgewachsen. Und es scheint ja bis heute ganz normal, gelobt zu werden, bewertet zu werden. Selbst auf Social Media und auch unter diesem Blogpost gibt es ein Daumen, ein Herzchen, ein Like. Menschen messen sich anhand dessen. Ich möchte sehen, hat dir der Artikel gefallen? Dabei schreibe ich in erster Linie für mich selbst. Ja, vielleicht verarbeite ich gerade meine Geschichte mit diesem Blogartikel, dass in der 3. Klasse mein Bild als "hässlich" bewertet wurde und ich heute trotzdem einen künstlerischen Beruf ausübe und fast jeden Tage den Bleistift in der Hand habe um zu zeichnen. Und ich behaupte jetzt mal von mir, dass ich eine ganz passable Zeichnerin geworden bin.


Aber was können wir denn stattdessen tun, wenn wir nicht loben oder allgemein bewerten sollen?

Während mein Kind malt, versuche ich ihr eine angenehme und ruhige Atmosphäre zu schaffen. Ich möchte sie nicht stören in ihrem kreativen Prozess. Das kenn ich von mir. Am liebsten möchte ich laute Musik hören und mich ganz hingeben. Sie möchte gerne alles bereit stehen haben. Das Wasser, der Farbkasten. Gutes Papier was nicht durchnässt und "bitte Mama, hol mir noch die Wachsstifte". Dann geht sie oft zur Stereoanlage und dreht "Naaaatsevenya" ganz laut auf. Und beginnt zu malen. Mal schaue ich ihr aufmerksam zu oder ich greife selbst zum Stift und arbeite parallel an meinen Möbelentwürfen. Ich erkläre ihr nicht was sie malen soll. Sie soll selbst ihre Fantasie anregen und ohne Erwartung oder ohne Druck malen. Es geht eben nicht darum, ob ein Bild schön wird oder nicht, sondern um das Spiel mit den Farben und Formen, um das Erlebnis.

Und was ist denn jetzt überhaupt so schlimm am Loben?

Wenn wir unsere Kinder loben, haben sie immer das Gefühl, sie müssen etwas Besonderes machen, etwas wahnsinnig tolles - um uns zu gefallen. Dadurch geraten sie immer mehr unter Druck. Wir denken, ein Lob ist doch nichts schlechtes unsere Kinder positiv zu bestärken, zu unterstützen. Dabei können wir mit echtem (!) Interesse unseren Kindern begegnen, ohne zu bewerten. Oft kommt ein Lob auch mal zwischen Tür und Angel daher. Schön gemacht, ich muss jetzt kochen / hab keine Zeit. Stattdessen können wir uns Zeit nehmen das Bild genau anzusehen. Was hast du da gemalt? Das Gelb der Sonne ist sehr intensiv. Ich kann richtig spüren, was für ein warmer Sommertag du da gemalt hast. Ich sehe, dass ganz viel Grün auf dem Bild ist. Oder: Wie ist es dir beim Malen gegangen? 

Im Gegenteil zum schnellen loben kann jetzt ein Gespräch losgehen.

Kinder merken, ich werde gesehen. Es wird gesehen was ich sehe!

Sobald wir Kinder bewerten, hören sie auf zu reflektieren und erzählen nichts mehr. Das Urteil ist verkündet. Und Kinder werden von nun an nicht mehr malen, weil es ihrer natürlichen Entwicklung, Freude und Neugier entspricht. Sie werden nur noch malen um zu gefallen, um das Lob zu bekommen. Sie malen dann nicht mehr frei. Nächste Woche kommt sie in den Kindergarten. Wie dann auf ihre Bilder reagiert wird habe ich nicht mehr in der Hand, aber bei mir kann sie immer im Moment sein und frei malen.

Bilder: Katja Tillmann

Carolin Hacker
Carolin Hacker


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